Wahl oder Schicksal?

Ich habe mich in letzter Zeit mit der Frage beschäftigt, ob die größeren Entscheidungen in unserem Leben auf freier Wahl basieren oder ob sie schicksalshaft gelenkt sind. Ich fragte mich, was gewesen wäre, wäre ich damals nicht nach Marokko gereist, sondern in ein anderes Land, wo wäre ich jetzt? Oder wäre ich in jedem Fall irgendwann in Marokko gelandet, weil es so vorgesehen war….?

Nicht, dass ich mir diese Frage nicht schon öfters gestellt hätte, aber diesmal wollte ich anhand von Beispielen aus dem eigenen Leben eine für mich stimmige Antwort finden…. Und ich fand sie auch. Ich erlebe immer wieder, dass sobald ich eine Frage rausgebe, die Antworten immer von irgendeiner unerwarteten Seite kommen.

So fand ich mich in einem Gespräch mit meinem Mann wieder, mit dem ich irgendwann auf die Frage ‚Wahl oder Schicksal‘ kam. Für ihn war alles ganz klar, er antwortete: „Beides.“ Ich bin stets inspiriert von dieser Art der Gespräche mit ihm, weil er auf Basis seines Glaubens immer eine für mich zufriedenstellende Antwort auf die spirituellen Fragen des Lebens hatte.

Er meinte, wir wählen erst was wir möchten, indem wir dem folgen was wir spüren. Wir beschreiten dann den gewählten Weg und tun die Schritte, die das Gewählte verlangt. Ob wir schließlich aber bekommen, was wir uns in den Kopf gesetzt haben, wird das Schicksal entscheiden. Wenn etwas für uns gemeint ist, werden wir es erreichen oder bekommen, wenn nicht, wird der gewählte Weg uns nicht sehr weit führen.

Diese Sichtweise fühlte sich erstmals stimmig für mich an. Es ist nicht alles nur eine Wahl aus dem Verstand heraus, genau so wenig wie wir alles nur dem Schicksal überlassen können. Es ist beides. Erst die Wahl, dann die Schritte, dann wird es sich zeigen.

Eine ‚Mit dem Kopf durch die Wand Mentalität‘ hilft uns also genau so wenig wie die Hände in den Schoss zu legen und zu warten bis das Leben geschieht. Aus einer Verbindung mit unserem Innersten, spüren wir auch sehr genau wann es gilt zu handeln und wann loszulassen und abzugeben.

So macht irgendwie alles Sinn. Alle Bedenken ob man den richtigen Weg gewählt hat, heben sich auf. Alle Zweifel, ob man etwas versäumen könnte, ebenso. Wenn wir anfangen unserer Führung, dem Leben und der Richtigkeit in allem zu vertrauen, können wir uns in uns selbst und in unser Leben hinein entspannen. Wissend, dass wir nicht versäumen können, was wahrhaft für uns gemeint ist zu sein… und auch nichts so wäre, wenn es nicht gemeint wäre zu sein.

Was wäre, wenn jetzt die Zeit wäre?

Ich reflektiere gerade über die letzten Wochen in der Quarantäne. Anfangs ging es für mich sehr um das Stillwerden, die Entschleunigung, den Rückzug und das Besinnen. Nachdem die Welt (und auch ich selbst) nun weitestgehend runtergefahren ist…. komme ich gefühlt in eine nächste Phase meines Erlebens. Ich muss gestehen, dass ich mich in all der äußeren Stille doch sehr gerne mit überaus nützlichen Beschäftigungen abgelenkt habe. Ich habe mich be-schäftigt. Um die Zeit zu nützen… für Sinnvolles, für Aufgeschobenes, für Neues.

In einem stillen Moment all dessen, merkte ich jedoch, wie sehr Ablenkung hier das Spiel übernimmt. Ablenkung von dem was eigentlich möglich wäre. Ablenkung vom eigenen Potential, vom Träume verwirklichen, von der Zeit auf die ich immer gewartet habe. Die Zeit endlich Zeit zu haben.

Was wäre, wenn jetzt DIE Zeit wäre? Die Zeit umzusetzen, anstatt sich zu beschäftigen. Zu verwirklichen anstatt sich abzulenken.

Gerade als ich mit den scheinbar überaus sinnvollen Beschäftigungen fertig war und bereits nach neuen Ausschau hielt, überkam mich in dem kurzen, leisen Moment dazwischen ein tiefes inneres Erkennen, dass jetzt die Zeit für etwas anderes ist.

Es ist DIE Zeit. Kein Warten mehr auf Später. Kein Spinnen von Visionen. Kein Ablenken im Jetzt um das Leben auf die Zukunft zu verschieben. Kein Leugnen der sich entfalten wollenden Potentiale.

Es ist jetzt die Zeit, auf die ich immer gewartet hatte. Die Zeit, Zeit zu haben. Die Zeit, Visionen umzusetzen und Potentiale zu leben, anstatt sie noch länger zu unterdrücken.

Damit hat sich eine unglaubliche Kraft in mir freigesetzt. Es war das Eingestehen. Das Bewusstmachen. Das Beobachten meiner selbst. Die Bereitschaft. Die Dringlichkeit. Die Lust auf das Neue. Der Mut zum Ungewissen.

Tatsächlich aber ein Aufwachen. Ein Verlassen des Schlafmodus, des Träumens und Visionierens. Ein Eintreten in das eigene Wissen und die eigene Kraft. Ein Erkennen der Kostbarkeit von Zeit.

Für mich hat die ‚Coronazeit‘ nur Geschenke bereitgehalten. Ich bin überaus dankbar und fühle es als totalen Wandel zu etwas nie Dagewesenem. Individuell und kollektiv. Ich freue mich auf das was noch kommen darf, aber nicht indem ich darauf warte, sondern während ich lebe was schon immer gelebt werden wollte.

Retreat

Retreat war wohl mein meistbenutztes Wort in den letzten zwei Jahren. Es bedeutet sich rückzuziehen, eine Auszeit zu nehmen, sich zu besinnen auf das Wesentliche und sich wieder zu erinnern an das Eigene und zu spüren was noch wahr für uns ist.
Nun sind die meisten von uns auf Retreat. Entschleunigung. Verschnaufpause. Rückbesinnung. (Fast) die ganze Welt wurde somit auf Retreat geschickt.
 
Auch ich bin zu meinem persönlichen Stille Retreat in der Tiroler Heimat gelandet. Ich war für ein paar Tage bei einem Foundation Kurs in Kärnten, während denen Marokko’s Grenzen zumachten und mein Rückflug gestrichen wurde. Ich sehe es als wunderbare Fügung, die mir in bereits sehr kurzer Zeit so viel Unbezahlbares geschenkt hat….mehr dazu im aktuellen Podcast.
 
Ich erlebe die aktuelle Zeit als sonderbar ruhig, still und freudvoll und blicke dem Ganzen mit sehr viel Zuversicht auf unendlich viele neue Möglichkeiten entgegen. Der von vielen Menschen lang ersehnte Wandel ist in vollem Gange und es liegt eine nie dagewesene Energie von frischem Wind und sich entfalten wollendem Potential in der Luft. Wenn wir aufspringen auf diese Welle des Erneuerns und Unkreierens von allem bisher Dagewesenen, können wir über das hinauskreieren was uns als scheinbare Realität serviert wird.

Vom gedachten Leben verabschieden

Wir haben eine Vorstellung davon wie unser Leben zu sein hat und nicht zu sein hat. Wir stellen es uns vor. Weicht die Realität von diesem Ideal ab, sind wir enttäuscht und leiden. Wir erleiden genau genommen unsere Vorstellungen. Hätten wir keine Vorstellung davon wie etwas zu sein hat, wäre die Realität meist gar nicht so düster, wie es durch den Filter unseres ‚erdachten Lebens‘ ausschaut.

Was wäre, wenn wir uns frei machen von jeglichen Ansichten über uns selbst und unser Leben und wir erlauben, dass sich entfalten darf, was sich entfalten möchte?

Wärst du bereit, dich frei zu machen von jeglichen Vorstellungen wie dein Leben auszuschauen hat und bereit stattdessen Schritt für Schritt zu entdecken, was jeweils für dich dran ist?

Uns freizumachen von jeglichen Erwartungen an unser Leben und auch an andere, bringt maximale Freiheit und gibt gar keinen Raum mehr für Enttäuschungen.

Zu simpel? Die Umsetzung muss nicht schwer sein, es bedarf nur die richtigen Fragen zu stellen…. Wo und was erwartest du noch vom Leben oder jemandem, dass wenn du es nicht tun würdest, du frei wärst von allem und jedem? Welche konkreten Vorstellungen hast du noch vom Leben, dass wenn du sie nicht hättest, du empfangen könntest, was wahrhaft zu dir möchte?

Das Fragenstellen geht weiter… man kommt hier individuell immer tiefer in das Eigene hinein… Welche Frage kannst DU stellen, die DICH frei macht?
Erwarte keine Antworten, sondern vertraue darauf, dass sie kommen…. auf den verschiedensten Wegen.

Wenn wir Fragen stellen, anstatt Feststellungen über unser Leben zu machen, öffnen sich Tore und Wege, die der limitierte Verstand gar nicht hätte erfassen können. Das ‚gedachte Leben‘ ist somit ein sehr kleiner Ausschnitt von dem was tatsächlich für uns möglich ist.
Bist du bereit alles und noch mehr von dir zu empfangen anstatt nur das was deinen Vorstellungen entspringt?

Wenn wir bereit sind, all unser erdachtes Leben beiseite zu legen…. ja so wie eine Kiste abzustellen, können wir leichten Weges voranschreiten. Un-vor-eingenommen. Un-be-schwer-t können wir dann gehen und sehen und spüren und tun. Wie wäre das?

Auf der Spur bleiben

In der eigenen Spur zu bleiben ist dann besonders herausfordernd, wenn wir großen Veränderungen ausgesetzt sind. Hier wird innere Festigkeit zur wichtigsten Qualität. Haben wir sie nicht, sind wir leicht aus der Bahn zu werfen… wir laufen dann Gefahr uns vom eigenen Weg abbringen zu lassen. Zu stark sind die Konditionierungen und Prägungen, die wir zu unseren eigenen gemacht haben und zu tief hat sich Pflichtbewusstsein und Solidarität mit den uns nächsten Menschen verankert.

Meine Erfahrung ist, dass wir wachsen, während wir uns den Herausforderungen stellen und nicht erst losgehen sollten, wenn wir uns hundert Prozent in uns stabil fühlen. Darauf zu warten, wäre sinnlos, wenn wir den nächsten Schritt bereits klar in uns fühlen können. Wir wachsen und ent-wickeln uns im Gehen, wir werden stark im Vollziehen nicht im Abwarten auf das Starksein.

Genau hier fordert uns das Leben heraus. An dem Punkt wo wir eine Entscheidung getroffen haben und es darum geht, loszugehen, werden wir nochmal auf Herz und Nieren geprüft. Hier bei sich zu bleiben, ist vielmehr eine Entscheidung als ein kompliziertes Unterfangen. Den Gegenwind wehen zu lassen, anstatt sich davon beeindrucken zu lassen, ist eine sehr entspannte Haltung, die wir hier einnehmen dürfen. Nicht dagegen zu halten, sondern bei sich bleibend zu beobachten, bringt sehr viel Mühelosigkeit und Leichtigkeit mit sich.

Das ist der Weg…. der sich fortgehend Schritt für Schritt entfalten darf.

Schließlich wird es zu etwas natürlichem, den eigenen Weg zu gehen, wir müssen dann nicht mehr darüber nachdenken, sondern wir folgen einfach dem, was Moment für Moment für uns spürbar ist. Die eigene Wahrheit hat dann nämlich an erster Priorität gewonnen… und dabei ist es nicht notwendig irgendetwas zu vertreten oder zu verteidigen, vielmehr werden wir zur eigenen Wahrheit… wir verkörpern sie, wir sind sie…. natürlich, klar und kraftvoll anstatt rebellisch und überzeugenwollend.

Und was wäre, wenn wir anerkennen, dass es das natürlichste ist, dem zu folgen was wir selbst spüren, und alles andere unnatürlich und konditioniert. Was wäre wenn wir uns erlauben, abzulegen, was wir glaubten zu sein und lernten sein zu müssen und endlich sind was wir sind und gemeint sind zu sein?

Diebe, Befreiung und das Aufgeben aus Notwendigkeit

Mein äußeres Leben ist gerade lebendiger als je zuvor. Unser neues Motorbike wurde uns vor der Haustüre gestohlen, ein Taschendieb will mir im Vorbeifahren meine Tasche wegreißen und ein lang ersehntes Ziel ist endgültig reif es zu verabschieden, anstatt länger daran festzuhalten.

Es erstaunt mich trotz alle dem wie ruhig und gelassen ich innerlich bin, während das äußere Leben passiert.  Seit langem wusste ich, dass äußeres Erleben nicht glücklich macht, wenn man den Frieden nicht in sich hat. Doch erstmals erfahre ich diese Stille in mir als anhaltend, während im Außen allerhand los ist. Ich bin nunmehr Beobachter des Geschehens anstatt länger aufzuspringen auf die äußeren Ereignisse und mich von ihnen aus der Ruhe bringen zu lassen. Denn das Äußere hört nach meiner Erfahrung nicht auf zu passieren. Das Leben ist und bleibt dynamisch.

So fällt es mir auch erstaunlich leicht, ein lang gehegtes Ziel, das mir viel Zeit und Energie gekostet hat, an dieser Stelle aufzugeben. Ich belasse es. Ich erkenne, dass es meinem Leben nicht länger beiträgt hier festzuhalten oder noch mehr Energie zu investieren. Und ich atme auf. Es fühlt sich leicht an, dieses Ziel nicht länger in meinem Leben zu haben. Es öffnet unglaublich viel Raum. Es wird weit und sehr still in mir. Was für eine Freiheit es doch ist, an nichts und niemandem mehr zu hängen oder sich beweisen zu wollen.

Befreit habe ich mich selbst, nicht irgendjemand. Indem ich mir erlaubt habe, es zu belassen wie und was es ist. Und so breite ich mich aus in diesem neu gewonnenen Raum und der neu gewonnenen Zeit, die mich neues schaffen und kreieren lässt. Ich kann jeden nur ermutigen, sich zu erlauben immer wieder neu zu wählen. Denn was gestern gültig war, muss es heute nicht mehr sein.

Wir sind leider konditioniert darauf die Dinge ‚durchzuziehen‘, koste es was es wolle. Ich habe jedoch erstmals die Erfahrung gemacht, dass ‚Aufgeben‘ mir eine unglaubliche Befreiung bringt und mir weitaus mehr Möglichkeiten bietet als das Dranbleiben um jeden Preis. So habe ich mir selbst das größte Geschenk gemacht, indem ich mir erlaubt habe eine neue Wahl zu treffen… das Altgeglaubte aufgegeben habe um gleichzeitig dem Neuen Platz zu machen…. und was ist hier jetzt noch alles möglich… ich bin jedenfalls voller neugieriger Vorfreude.